“Ich kämpfe für Hillary”

“Ich kämpfe für Hillary”

Interview von Herbert Bauernebel, Madonna 
Erschienen in November 2016


Die Österreicherin Lilly Maier ist Journalistin und lebt in Brooklyn, New York. Aktuell bloggt sie über den amerikanischen Wahlkampf aus der New Yorker Perspektive.

Amerika erlebt den verrücktesten und beängstigendsten Wahlkampf vielleicht aller Zeiten – und die Welt blickt fassungslos in die USA: Chaos-Kandidat Donald Trump (70) wütete gegen Muslime, Immigranten und Schwarze so dreist und tritt derart häufig in Fettnäpfe, dass schon seien Zurechnungsfähigkeit diskutiert wird und sich die eigene Republikaner-Partei von ihm absetzt. Demokraten-Rivalin Hillary Clinton (68) kann währenddessen ihre E-Mail-Skandale kaum abschütteln, während russische Hacker in die Server ihrer Partei einbrechen. Wie erlebt man den irrsten Wahlkampf erste Reihe fußfrei, als Auslandsösterreicherin in den USA?

Lilly Maier (24) lebt seit mehr als einem Jahr in New York. Die Wienerin studiert mit einem „Fulbright“-Stipendium an der New York University Journalismus. In ihrem Blog „Lady Liberty Votes“ (ladylibertyvotes.wordpress.com) dokumentiert sie die Wahlschlacht 2016. Dass sie auf der Seite Clintons steht, sollte keine Überraschung sein. Im Gespräch mit MADONNA beschreibt die Österreicherin ihre Eindrücke von der Politik à la Amerika – von Derbheiten auf tiefstem Niveau bis zu einem Showbiz-Element, wo Europäer nur noch staunen können.

FullSizeRenderHast du Donald Trump damals ernst genommen, als er vor einem Jahr seine Kandidatur verkündete – und gleich bei der ersten Rede Mexikaner als „Vergewaltiger“ beschimpfte?

LILLY MAIER: Das hielten ja alle für einen schlechten Witz. Jetzt, rückblickend im Zusammenhang mit den Wutbewegungen auch in Europa à la „Brexit“ hätte man früher draufkommen können, dass Trump einen Nerv treffen könnte. Der Populismus gedeiht ja jetzt nicht nur in Amerika. Nun fragt man sich bei Trump: Will der eigentlich auch wirklich reagieren? Oder geht es ihm nur ums Gewinnen und – sollte er es schaffen – um das Prestige und den Pomp des Amtes?

Macht dir der Aufstieg Trumps Angst?

MAIER: Man glaub ja nicht, dass er sich bei der ohnehin radikalen Rhetorik noch selbst übertreffen kann: Als er aber Obama als Gründer von ISIS bezeichnete und zur Gewalt gegen Clinton aufrief, lief einem schon die Gänsehaut auf. Verwunderlich ist aber – und das habe ich bei den Vorwahlen in New Hampshire selbst erlebt –, wie freundlich seine Anhänger sind. Es ist fast irritierend. Ich finde es erschreckend, wie derart normale Menschen jemandem wie Trump nachlaufen. Aber es sollte nicht vergessen werden, dass der Zorn vieler Bürger auf die Politik, das Establishment und die Eliten sehr groß ist – so läst sich ja auch der Erfolg des Bernie Sanders bei den Demokraten-Primaries erklären.

Was gefällt dir an Hillary Clinton – und was hälst du für ihre Defizite?

MAIER: Ich finde es schon mal sehr toll, dass sie eine Frau ist. In Europa ist das natürlich längst keine große Sache. Angela Merkel führt Deutschland seit fast zehn Jahren. Trotzdem wäre es ein wichtiges Signal, wenn auch in den USA eine Frau an die Macht kommt. Sie verkauft sich auch in diesem Wahlkampf als historische Figur, als erste mögliche „Mrs. President“. Da war sie 2008 bei den Vorwahlen gegen Obama noch zu zögerlich, finde ich. Zu beachten ist aber, dass viele jüngere Wähler nicht mitbekommen haben, welche historische Figur Hillary ja schon ist in der Frauenbewegung – besonders nach ihrer legendären Rede als First Lady in Peking, als sie sagte: „Frauenrechte sind Menschenrechte.“ Vielleicht erklärt das, warum so überraschend wenige junge Frauen für Hillary sind.

Was kann eine Frau im Oval Office besser?

MAIER: Clinton hat während ihrer Karriere bewiesen, dass sie zuhören und Koalitionen schmieden kann. Da könnte sie ein besseres Klima in Washington schaffen, in dem sie Gesetzesinitiativen besser durch den Kongress bringen könnte. Präsident Obama wurde ja kritisiert, dass er kein Fan des aktiven „Netzwerkens“ sei. Nervig bei Hillary ist ihre Tendenz zum Mauern: Wenn sie sich vor sieben Monaten ordentlich entschuldigt hätte wegen der E-Mails, wäre die Sache vom Tisch.

Könnte sie es besser machen im Oval Office als Obama?

MAIER: Die Errungenschaften Obamas werden ja im ständigen Medien-Getöse vergessen: Den Amerikanern geht es besser den ja. Vielleicht wird mit Hillary im Oval Office diese ständige Angstmacherei weniger. Und niemand hat mehr Erfahrung im Weißen Haus. Eine Anhängerin sagte es mal sehr schön so: „Hillary Clinton weiß sogar, wo das Klopapier ist.“

Was fasziniert dich besonders am US-Wahlkampf?

MAIER: Das Show-Element ist atemberaubend. Ein amerikanischer Wahlkampf ist einfach ein Spektakel. Und der Kontrast zur europäischen Politik könnte ja größer kaum sein: Am gleichen Tag, als Hillary Clinton ihre fulminante Parteitagsrede hielt, in einem von einer Star-Regisseurin produzierten Bio-Film vorgestellt wurde und dann in einem Meer aus Ballonen badete, gab Merkel ihre Jahrespressekonferenz: Sie saß am Tisch, flankiert von Pressesprechern. Man kann das Show-Element der US-Politik für lächerlich halten. Großes Fernsehen ist es allemal.


Erschienen in Madonna: (November 2016)

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