Eine Begegnung, die alles veränderte

Eine Begegnung, die alles veränderte

Porträt von Sandra Lumetsberger, Kurier
Erschienen am 30. Dezember 2015


Vor zwölf Jahren klingelte es an Lilly Maiers Tür: Es war Arthur Kern, der als Kind vor den Nazis fliehen musste.

Eineinhalb Millionen jüdische Kinder starben im Holocaust. Nur 10.000 wurden vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges durch “Kindertransporte” ins Ausland gerettet. Arthur Kern war einer von ihnen. Vor zwölf Jahren kam er zurück nach Wien in die Wohnung seiner Eltern. Dort traf er die elfjährige Lilly Maier. Eine Begegnung, die ihr Leben veränderte. Und über die sie ein Buch schreibt.

Wenn Lilly Maier, heute 23 und Studentin in den USA, davon erzählt, erinnert sie sich an ihre besorgte Mutter. “Wir wussten, dass Arthurs ganze Familie gestorben war. Meine Mutter war unsicher, was dieser Besuch auslösen könnte.” Umso überraschter waren sie, als ein gut gelaunter, lächelnder 70-jähriger Mann aus Los Angeles mit Sonnenbrille und Polo-Shirt die Wohnung im 9. Bezirk betrat. Und Teil ihres Lebens wurde.

Arthur, der früher Oswald Kernberg hieß, ging durch die Zimmer und konnte sich an vieles erinnern. “In meinem Zimmer stand ein Klavier, an dem er früher spielte. Er schenkte mir zur Erinnerung eine Spieluhr mit Beethovens ‚Für Elise‘.”

Sein Besuch in Wien war nicht der erste. Bereits in den 1970er-Jahren versuchte er, die damaligen Bewohner zu kontaktieren – vergeblich. Maiers Familie konnte er mithilfe von Bekannten ausfindig machen. Sie öffneten ihm die Tür zu seiner Kindheit, die am 14. März 1939 zu Ende gegangen war. An diesem Tag schickten Arthurs Eltern den Elfjährigen mit dem Zug nach Frankreich. 500 Kinder wurden in Sicherheit gebracht. Arthurs Bruder Fritz durfte nicht mit, er war zu alt.

Tiefe Spuren

Das Treffen in der Wohnung hinterließ Spuren. Lilly wollte mehr über den Besucher aus den USA wissen. Und Arthur sah sie als “österreichische Enkelin”. Sie schrieben einander eMails, der Kontakt blieb aufrecht. Beim Zeitzeugen-Projekt “A Letter To The Stars” recherchierte die Schülerin seine Biografie. Einige Jahre später schrieb sie ihre Matura-Arbeit über die Kindertransporte. Als Studentin arbeitete sie in der KZ-Gedenkstätte Dachau und im jüdischen Museum New York. “Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen. Wenn ich Arthur vor zehn Jahren nicht getroffen hätte, wäre mein Leben anders verlaufen.”

Die elfjährige Lilly Maier mit Arthur und Trudie KernZuletzt reiste die Geschichte-Studentin durch die USA, um Überlebende des Kindertransportes für ihre Bachelor-Arbeit zu interviewen – sie wollte wissen, wie ihr Leben nach der Flucht verlief. Ein schwieriges Vorhaben. Lilly hatte Namen und Adressen, aber das Vertrauen der Menschen noch nicht. “Die Tochter einer Frau hatte Angst, dass ich etwas Antisemitisches schreibe. Ihre Mutter hat sich aber durchgesetzt, sie wollte mit mir reden.” Das sprach sich unter den Zeitzeugen herum: “Eine junge Österreicherin, nicht-jüdisch, das fanden sie spannend.” Während dieser Zeit besuchte die Studentin Arthur und seine Familie. 2013 feierte sie mit ihnen Thanksgiving und Chanukka in Los Angeles.

Ende gut

Warum sie sich für den Holocaust interessiert, muss die 23-Jährige oft erklären. “Ich finde die Geschichte der Kindertransporte nicht deprimierend. Es sind die einzigen, die ein Happy End haben. Wenn ich die Menschen kennenlerne und sehe, wie sie damit abgeschlossen haben, kann ich emotional besser damit umgehen.” Inspirierend empfindet sie die Widerstandsfähigkeit der Betroffenen. “Sie haben großteils ihre Traumata überwunden und sich aus dem Nichts, ohne Eltern, etwas aufgebaut.”

Auch Arthur Kern hat es geschafft. 1941 schickte sein Vater aus dem Deportationslager in Opole, Polen, eine Einverständniserklärung an das Kinderheim in Frankreich: Sein Sohn durfte zu Verwandten in die USA ausreisen. In der Schule in New York lernte er seine spätere Frau Trudie kennen. Er erfuhr, dass sie früher im selben Bezirk gewohnt hatte.

Solche Geschichten hörte Lilly öfters. Viele ehemaligen “Wiener Kinder” fanden in den USA zusammen. Was sie ebenfalls einte: das Streben nach Bildung und Erfolg. Aus Gesprächen erfuhr die Studentin, dass dies meist der letzte Auftrag der Eltern war: “Lern immer brav, mach was aus deinem Leben – das stand in den Briefen.”

Nach der Schule studierte Arthur Kern, arbeitete später als Raketentechniker in Kalifornien. Das Arbeiten war für viele eine Art, die Vergangenheit zu bewältigen. Denn darüber sprechen konnten die wenigsten. Aus Angst, oder weil sie sich nicht erinnern konnten – sie waren zu klein, um es zu verstehen. Erst in den 1980er-Jahren erzählten einige ihren Familien davon. Damals fand auch die erste offizielle Reunion in London statt. Bis dato hatten manche ein Problem, sich als Holocaust-Opfer zu definieren. “Sie glaubten, dass sie nicht betroffen sein dürfen, weil sie überlebt haben.”

Was Lilly an Arthur fasziniert: “Er hat es geschafft, zu kommen und zu vergeben.” Als er 2003 in der Wohnung seiner Eltern stand, sagte er, dass er keinen Hass mehr spüre, der belaste Menschen nur.


Erschienen im: Kurier (Dezember 2015)
Foto: KURIER/Franz Gruber

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