Die Geschichtensammlerin

Die Geschichtensammlerin

Porträt von Elsbeth Föger, Süddeutsche Zeitung
Erschienen am 26. Januar 2015


Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs konnten 10 000 jüdische Kinder fluchtartig NS-Deutschland verlassen. Lilly Maier, 22, hat Zeitzeugen über ihr Leben nach den Kindertransporten befragt – und reiste dafür durch die USA

Lilly Maier, 22, hat diesen Moment noch gut vor Augen. Damals war sie zehn Jahre alt und lebte in Wien, als ein weißhaariger Mann an ihre Haustür klopfte: Arthur Kern. Der 70-Jährige mit Hornbrille und Poloshirt hatte eine sonderbare Bitte – er wollte ihre Altbauwohnung sehen. Dort hatte er gelebt, bis die Nationalsozialisten kamen, bis Wien für Juden brandgefährlich wurde, bis die Familie den damals Zehnjährigen wegschickte, ins rettende Frankreich, dann in die USA. Seine Eltern und der große Bruder kamen ins Ghetto, er hat sie nie wieder gesehen. Mehr als ein halbes Jahrhundert war das her. Doch die Wohnung, die stand immer noch. Nur um sie zu sehen, war Kern aus Kalifornien angereist.

Die Maiers ließen den betagten Juden hinein. Von diesem Moment an war die Geschichte Kerns auch ein Teil von Lillys Leben. „Ich bin damals mit zehn Jahren ins Archiv gegangen“, erzählt die Studentin. Sie half Kern beim Suchen von Meldezetteln. Um mehr über den Nationalsozialismus herauszufinden, nahm Lilly an einem Geschichtsprojekt teil: Bei einer Gedenkfeier ließen Schüler 80 000 weiße Luftballons in den Himmel steigen – einen für jedes österreichische Opfer der Nationalsozialisten.

Lilly hat mittlerweile einen Bachelor-Abschluss in Geschichte in der Tasche. Für ihre Abschlussarbeit bekam die junge Frau den LMU-Forscherpreis für exzellente Studierende. Die Studentin redet schnell und gestikuliert viel, während sie spricht. Sie erzählt, wie sie den Preis auch Arthur zu verdanken hat. Ihn und zwölf andere Juden hat sie über die Zeit nach der Flucht aus Deutschland und Österreich interviewt. Dafür ist Lilly zwei Monate quer durch die USA gereist – von Washington bis an die Westküste, durch fünf Städte.

Interviews waren für Lilly eigentlich nichts Neues: In ihrem Auslandssemester in Washington studierte sie Journalismus, telefonierte gelegentlich mit Pressesprechern im Weißen Haus. Doch die Suche nach Zeitzeugen fing mühsam an. Von der „Kinder Transport Association“, einer Zeitzeugen-Organisation, bekam sie eine Namensliste von Menschen, die damals auf einem Kindertransport gewesen waren – und telefonierte sich durch. Bei den ersten sieben Anrufen hatte sie keinen Erfolg. Viele der Überlebenden waren schon sehr alt, eine Anwältin hatte Bedenken: Was, wenn in der deutschen Arbeit etwas Antisemitisches stand? An diesem Punkt kam wieder Arthur Kern ins Spiel, der damals an ihre Tür geklopft hatte. Um Lilly zu helfen, riefen er und andere Überlebende die Zweifler an. „Die kennen mich, seit ich zehn bin, und haben den anderen gesagt: Lilly schreibt sicher nichts Böses.“

Den achten Namen auf ihrer Liste musste Lilly nicht durchstreichen, hier wurde ihre Anfrage akzeptiert. Eine gebrechliche Jüdin namens Esther lud sie zu sich nach Hause ein. Auf dem Wohnzimmersofa ließ sich Lilly vergilbte Fotos zeigen und stellte vor laufendem Aufnahmegerät Fragen – oft bis zu vier Stunden lang. Die Gesprächspartner erzählten ihre Geschichte, die häufig nicht einmal die eigenen Kinder kannten. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es für Betroffene einfacher ist, so etwas jemandem Fremden zu erzählen“, erklärt Lilly. „Ich selbst weiß mehr über die Lebensgeschichte dieser Menschen als über die Kriegserlebnisse meiner Großeltern.“

Die Überlebenden, die auf Kindertransporten nach Großbritannien gelangten (Foto: Bundesarchiv), erzählen ihre Geschichten erst seit den Neunzigerjahren. „Das hat auch damit zu tun, dass es früher Hierarchievorstellungen unter den Opfern gab“, erklärt Lilly. „Nur wer im KZ gewesen war, galt als echter Holocaust-Überlebender. Den anderen wurde vorgeworfen, sie hätten ja nichts Schlimmes erlebt.“ Dabei haben auch viele, die Vernichtungsofen und Appellplatz nie gesehen haben, Traumatisches mitgemacht. Als Großbritannien, teilweise auch Frankreich 1938/39 die Grenzen für jüdische Kinder öffnete, konnten 10 000 Kinder NS-Deutschland rechtzeitig verlassen – mit wenig mehr als einem Koffer und einem Schild um den Hals. Ihre Eltern mussten sie zurücklassen. Besonders kleine Kinder glaubten, sie würden zur Strafe weggeschickt. Entwurzelt, manchmal von den Geschwistern getrennt, brachte man sie in oft christlichen Pflegefamilien unter. Die waren häufig liebevoll, manchen ging es aber nur ums Geld. Viele Kinder emigrierten daraufhin in die USA, litten lange unter Schuldgefühlen, überlebt zu haben.

So berührend die Geschichten auch waren: Kritisch geblieben ist Lilly trotzdem. „Wenn jemand beim Transport drei Jahre alt war und mir dann genau den Bahnhof beschreibt, glaube ich ihm das nicht“, sagt sie und rückt ihre randlose Brille zurecht. Obwohl die meisten Zeitzeugen Deutsch konnten, sprachen sie mit Lilly Englisch. Aber immer wieder schlichen sich deutsche Begriffe ein. Die bis zu 90-Jährigen, die früher auf einem Kindertransport waren, bezeichnen sich auch heute noch als „Kinder“. „Es ist wirklich eine Identität geworden“, sagt Lilly.

Die Zeitzeugen sind eng miteinander vernetzt, oft befreundet, treffen sich regelmäßig für Gedenkfeiern. Kaum hatte Lilly das erste Interview geführt, bekam sie neue Kontakte. Dabei half auch ihr Alter: „Viele der Überlebenden reden nicht mit gleichaltrigen Menschen aus Österreich oder Deutschland, weil sie immer Angst haben, das seien Nazis.“ In Überlebenden-Kreisen fand man es bald bemerkenswert, dass sich jemand, der selbst nicht jüdisch war, für das Thema interessierte: „Bist du Arthurs Lilly? Du musst unbedingt meine Bekannte treffen!“ Am Ende hatte sie mehr Interviews geführt, als sie eigentlich wollte. „Ich konnte da einfach nicht Nein sagen.“

Wohl auch deshalb, weil Freundschaften mit den Überlebenden entstanden. Nach den Interviews gingen sie häufig gemeinsam essen. „Dann wurde ich ausgefragt!“ Damit Lilly Weihnachten in New York nicht allein verbringen musste, stellten neun 80- und 90-jährige Juden ihr die Christmas-Party auf die Beine, die sie selbst gar nicht feierten – mit Plätzchen und Stiefeln voller Schokolade.

Wieder zurück in München, schrieb Lilly ihre Ergebnisse nieder. Herausgekommen ist eine „spannend zu lesende, gut geschriebene und innovative Arbeit“, befand die Betreuerin Mirjam Zadoff. Dass Lilly den mit 1000 Euro dotierten LMU-Forscherpreis gewonnen hat, darüber freuen sich manche Überlebende mehr als sie selbst. „Einer hat geschrieben, es bedeute ihm viel, dass München, die ,Hauptstadt der Bewegung‘, eine Arbeit über die Kindertransporte so würdigt.“

Deprimiert haben Lilly die Gespräche mit Zeitzeugen nicht, erzählen sie doch trotz Traumata eine der wenigen positiven Geschichten über den Holocaust. Viele dieser Kinder wurden später überdurchschnittlich erfolgreich. „Es gibt dieses psychologische Phänomen, dass man zum Workaholic wird, wenn man ein großes Trauma erlebt“, sagt Lilly. Eine Studie aus Harvard belegt: Die Kindertransport-Kinder verdienten als Erwachsene besser, wurden häufiger Ärzte oder Anwälte, hatten eine höhere Wahrscheinlichkeit, einen Nobelpreis zu gewinnen. Aus dem damals zehnjährigen Arthur, der von seinen Eltern getrennt wurde, ist ein erfolgreicher Raketentechniker mit drei Söhnen geworden. „Er ist ein total glücklicher Mensch, der Frieden mit dem Ganzen geschlossen hat“, sagt Lilly, zögert kurz und sagt dann: „Es hat etwas von einem Happy End.“ Und wenn Lilly nächstes Semester für ihr Masterstudium wieder in die USA fliegt, wird diesmal sie es sein, die an Arthur Kerns Haustür klopft.


Erschienen in der Süddeutschen Zeitung (Januar 2015)
Foto: SZ/Catherina Hess

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